GeradeRaus 2008 Bundesverband Jugend und Film e.V. Junge Filmszene im BJF
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Kurzgeschichten und Gedicht von Miriam Nonnenmacher

Kurzgeschichten:

Kaffeeklatsch
Mein erstes Zeitschriftenabo
Mein Verehrer Thomas
Wellness-Food
Zahnputzmeditation ...

Kaffeeklatsch

Seit seine Frau gestorben ist, besucht der alte Mann den Supermarkt an ihrer Stelle. Ein alter Einkaufszettel von ihr dient ihm als Richtlinie, nur packt er anstelle des frischen Gemüses eine Dose Ravioli ein.

Neben ihm steht eine Frau mit dickem Sohn. Die Frau hasst die Realität einer dreckigen Küche. Sie ist geschieden und will lieber Backbuchidylle. Deshalb legt sie die Tiefkühltorte in ihren Einkaufswagen. Die ist ein Meisterwerk an Perfektion.

Das Mädchen am Kühlregal kann sich nicht zwischen den hundert Joghurtsorten entscheiden. Sie will etwas Neues, doch kein Becher überzeugt. Es ist wie mit den Männern in ihrem Leben. Sie legt ein Fett reduziertes Produkt zu ihrem Einkauf.

Dem dicken Jungen ist langweilig. Er rennt den Gang hinauf und lässt sich über das Drehkreuz baumeln. Dann schiebt er den Wagen. Er stört keinen und keiner beachtet ihn. Weil er so groß und breit ist, sieht man nicht, dass er erst sieben ist.

Das Mädchen nimmt einen Rotwein aus dem Regal. Ein Freund kommt heute Abend zum Candlelight-Dinner. Sie haben wohl eine Affaire. Das ist egal. Von der Ehe hält sie nichts, weil es Monogamie im echten Leben gar nicht gibt. Sie hält auch nichts von Familie, weil sie ihre Familie kennt.

Die Frau kauft Bohnenkaffee für ihren Vater. Er wohnt seit dem Tod seiner Frau bei ihr. Es ist anstrengend mit ihm, nicht einmal die Kaffeemaschine kann er selbst bedienen.

Die Süßigkeiten lachen den dicken Jungen an. Er bekommt zwei Euro Taschengeld in der Woche, doch er hat schon alles ausgegeben. Am liebsten hätte er die Gummitierchen, weil er Tiere mag.

Das Mädchen kauft Ananas, weil bei der Verdauung dann mehr Kalorien verbraucht werden, als die Ananas hat. Ein Ammenmärchen aus der Südsee. Das Mädchen glaubt daran, an irgend etwas muss man ja glauben.

Die Kassiererin zieht die Waren über das Band. Mal ist der Einkauf fast geschenkt, mal kostet er ihre Monatsmiete. Es ist ihr einerlei, sie sieht nichts von dem Geld. Sie sieht nur den Strichcode, und den sieht sie schon jahrelang. Er ist die Grenze zwischen Geschäftlichem und Persönlichem. Sie lächelt den ganzen Tag. Im Supermarkt sind alle Menschen zusammen allein. Das ist gut, denn ganz zusammen sein geht nicht gut.

Die Frau packt den Einkauf und den dicken Jungen ins Auto. Heute kommt die große Tochter zu Besuch. Es ist gut, dass wieder einmal alle beisammen sind. Alles muss schön sein, so oft sieht man sich nicht.

"Was macht die Ausbildung?" fragt der Opa.

"Alles gut!" sagt die Tochter, damit sich keiner Sorgen macht.

"Schau mal, ich hab dir was mitgebracht!", sagt sie zu dem kleinen Bruder. "Gummitierchen, du magst doch Tiere!"

"Du bist dünn geworden!" sagt die Mutter. "Isst du genug?"

"Alles gut!" sagt die Tochter, weil es keinen was angeht.

"Lasst uns Kaffee trinken!" sagt der Opa zur Mutter.

Die stellt Tassen und Teller auf den Tisch. Es soll schön werden heute.

Der dicke Junge setzt sich auf den Boden und packt die Gummitiere aus.

"Gibt es Apfelkuchen?" fragt die Tochter.

"Es gibt nur Tiefkühltorte!" sagt der Opa. "Deine Oma hat noch selber gebacken!"

"Was soll das heißen?" fragt die Mutter. "Ich arbeite den ganzen Tag, da kann ich nicht noch selber backen!"

"Tiefkühltorte ist doch prima!" sagt die Tochter.

"Oma war noch eine richtige Frau!" sagt der Opa. "So neumodisches tief gekühltes Zeugs gab es da noch nicht. Man hat den Kuchen frisch zubereitet!"

Der dicke Junge baut die Gummitiere in einer Reihe auf. Er sortiert nach Farbe und Tierart. Es ist wie in einem Zoo.

"Willst du mich schon wieder schlecht machen?" fragt die Mutter.

"Du hättest ruhig mal selber was machen können, jetzt wo deine Tochter da ist!"

"Aber ich mag Fertigtorte!" lenkt die Tochter ein. "Was ist denn das für eine Sorte?"

"Willst du mir vorwerfen, eine schlechte Mutter zu sein?" stößt die Mutter hervor.

"Man muss seine Kinder schon anständig ernähren!" sagt der Opa böse. "Schau ihn dir doch an, deinen Sohn, er ist viel zu dick. Da siehst du, was passiert, bei dem ganzen Fertigfraß!"

Erschrocken schaut der Junge auf.

"Du kannst ja nichts dafür, dass du dick bist, deine Mutter soll mal was Anständiges kochen!" meint der Opa abschätzig.

Der kleine Junge schaut auf den Boden. Opa schaut ihn so böse an. Weil er dick ist. Er ist traurig und weiß nicht, was er machen soll.

"Jetzt langt’s aber!" schreit die Mutter. "Du wirfst mir vor, schuld daran zu sein, dass er zu dick ist? Was kann ich dafür, wenn er keinen Vater hat und ich mich um alles kümmern muss? Da kann ich nicht jeden Tag kochen!"

Der Junge macht sich ganz klein. Er weiß, dass er Schuld an dem Streit ist. Am besten, er schaut nicht rüber zum Tisch, dann vergessen ihn die anderen vielleicht. Er nimmt das Nashorn zwischen die runden Finger und quetscht. Es gibt nach und klebt in seiner Hand. Es ist auch dick, wie er. Er schiebt es in den Mund.

"Nicht einmal friedlich Kaffee trinken wie in einer normalen Familie kann man hier!" schreit der Opa. "Ich will einfach ganz normal Kaffee trinken! Das kann doch nicht so schwer sein!"

"Du hast doch angefangen!" schreit die Mutter.

"Das hat Omaa ummehh ehuchst lllllhhaaelhl.....!!!....!.....leeeheasssch...!!!..." macht der Opa.

"Laß mich doch in Ruhe!" ruft die Mutter wütend.

"lllhh...eahhhlheachaaeeh...du....mmmummh..kaff...!" faselt der Opa wütend und gestikuliert wild.

"Ist alles in Ordnung mit dir, Opa?" fragt die Tochter erschrocken.

Die Mutter wird ganz still. Der kleine Junge schaut auf seinen Gummitierzoo. Der liegt weit um ihn verstreut. Besser, er räumt auf, dann fällt es weniger auf. Zuerst schiebt er die gelben Tiere in den Mund.

"lllhh...eahhhlheachaaeeh...du....mmmummh..kaffffeeh...!.... kaffee.... nnnohhmh...!"bringt der Opa hervor und wird dabei ganz rot im Gesicht.

"Der Opa muss ins Krankenhaus!" ruft die Tochter schließlich.

"Nnnnnneehhhhinn.........hhhhh.....nnnein.....kaffffeeh.....!" widerspricht der Opa ärgerlich.

"Wir können doch jetzt nicht Kaffee trinken!" antwortet die Mutter. "Du musst ins Krankenhaus!"

Der Opa wird ganz wütend. Sein Kopf läuft dunkelrot an, und er schlägt mit der Faust auf den Tisch, dass das Festtagsservice wackelt.

"Gut, dann trink deinen Kaffee und danach fahren wir ins Krankenhaus!" sagt die Mutter beschwichtigend. Sie schenkt ihm Bohnenkaffee ein.

"llllehhh.....Kafffeeeeee...........", lallt der Opa. Er fuchtelt wild mit den Händen, weil er die Worte vergessen hat. "lllllehhh.......aaaaahl.......aaahleeeee.......aaaahhhleeeeee....!.......aahhleee..!!!..."

Wütend steht der Opa auf. Er greift nach der Kaffeekanne und will auch die anderen Tassen mit Bohnenkaffee füllen, aber er zittert so, dass die Hälfte daneben geht. Es herrscht betroffene Stille.

"Der kleine Junge sitzt zusammengekrümelt auf dem Boden. Leise stopft er die verbliebenen Gummitiere in sich hinein. Tränen laufen ihm über die Backen.

"Na gut, wir trinken alle mit!" sagt die Mutter. Aber danach gehst du ins Krankenhaus!"

Der Opa setzt sich wieder auf seinen Stuhl und brummelt skeptisch.

"kuuuuuhu....!" sagt er und weil ihn keiner versteht lauter: "....kuchhh.....!.. Kkkucheenn......KKKKuuuheeen!.........!!!....!

Die Mutter legt ein Stück Torte auf seinen Teller.

"lllllehhh.......aaaaahl.......aaahleeeee.......aaaahhhleeeeee....!.......aahhleee..!!!..." befielt der Opa.

"Ich kann jetzt nichts essen!" sagt die Tochter.

"AAAallllleee......!.....KKKKuuucheen....!...." schreit der Opa und wird schon wieder rot.

"Komm an den Tisch!" sagt die Mutter zu dem dicken Jungen. "Es gibt Kuchen!"

Mit gesenktem Kopf steht der Junge auf und setzt sich zu den anderen.

Die Mutter verteilt die Stücke. Der Opa röchelt beruhigt.

Keiner spricht. Man hört nur die Gabeln über die Teller scharren. Langsam schiebt der Opa die Gabel in den Mund. Es schmeckt ganz gut. Immerhin sitzen sie hier wie eine anständige Familie. Monoton steckt der dicke Junge die Torte in sich hinein. Er muss schön unauffällig bleiben, damit keiner mehr rumschreit. Bloß nicht weinen. Die Mutter versucht ganz ruhig zu bleiben. Gleich wird sie den Opa ins Krankenhaus bringen. Man muss ihm nur jetzt seinen Willen lassen. Die Tochter isst in kleinen Schüben. Sie muss bei dem Gedanken an die Kalorien schier kotzen. Die Sahne verklebt ihr den Mund und das ist gut so, der Opa isst gern in Ruhe.

Die Mutter will das Auto holen, als die Teller leer sind. Der Opa möchte nicht ins Krankenhaus. Er schreit wieder. Die Tochter hat Angst. Nicht so sehr um den Opa als vor seinem Tod. Schließlich erbarmt sich der Opa und lässt sich ins Auto setzen. Alle fahren mit wie eine anständige Familie..

"Es war ein Schlaganfall!" sagt der Arzt im Krankenhaus. Der Opa möchte dort nicht übernachten, muss aber. Der dicke Junge sagt nichts. Er stört keinen und keiner beachtet ihn. Weil er so groß und breit ist, sieht man nicht, dass er erst sieben ist.

Die Tochter fährt zu sich nach Hause.

"Nimm doch noch Torte mit, damit du daheim was zum Essen hast!" sagt ihre Mutter, weil sie eine gute Mutter ist.

Das Mädchen ist froh, wieder weg zu sein. Sie wird den Abend allein verbringen, da der Freund zum Candlelight-Dinner auf ihrem Anrufbeantworter abgesagt hat. Sie haben eine Affaire und keine Beziehung. Das macht nichts. Sie können sich sowieso nicht unterhalten. Zum Abendessen gibt es Ananas.

 

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