GeradeRaus 2008 Bundesverband Jugend und Film e.V. Junge Filmszene im BJF
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Kurzgeschichten und Gedicht von Miriam Nonnenmacher

Kurzgeschichten:

Kaffeeklatsch
Mein erstes Zeitschriftenabo
Mein Verehrer Thomas
Wellness-Food
Zahnputzmeditation ...

Mein erstes Zeitschriftenabo

(nach einer wahren Geschichte)

Letzte Woche bin ich in der Innenstadt einem dieser Promoter begegnet. Er sagte nicht: "Hast du dir schon mal Gedanken über Tierschutz gemacht?", um mir dann Bilder von Hundebabys in Tierexperimenten entgegenzustrecken und einen Überweisungsträger, in den ich nur noch meine Kontonummer eintragen musste.

Er sagte auch nicht: "Wegen ignoranten Leuten wie dir verhungern die Kinder in der dritten Welt!" weil ich mich nicht in ein Gespräch über Afrika verwickeln lassen wollte.

Er sagte: Hast du nicht Lust eine Reise in die Türkei zu gewinnen?" und ich hatte Lust, große Lust, eine Reise in die Türkei zu gewinnen.

Es ist ja aber nicht so, dass ich das Prinzip dieser Gewinnspiele nicht checke. Du gibst ihnen deine Adresse und danach geben sie die an Tierschutzorganisationen weiter, die dir Überweisungsträger direkt nach Hause schicken oder an Zeitschriftenvertreter, die bei dir anrufen. Das wissen ja alle. Und da dachte ich mir so, wenn das alle wissen, wer macht da noch bei dem Gewinnspiel mit? Und wenn da keiner mitspielt außer mir ist die Reise praktisch schon gewonnen.

Schon am nächsten Tag rief eine junge Dame bei mir an: "Sie haben eine Reise in die Türkei gewonnen!" sagte sie und da freute ich mich sehr. Mein Plan war aufgegangen.

"Sie und eine Begleitperson werden in einem 5-Sterne-Wellness-Hotel wohnen!", sagte sie und da freute ich mich noch mehr.

"Das Angebot gilt übrigens nur, wenn sie eine Zeitschrift abonnieren!" meinte sie und da abonnierte ich die Brigitte. Sie notierte meine Kontonummer. Und da freuten wir uns beide sehr.

Ich hatte jetzt also eine Reise gewonnen.

Natürlich rief ich nicht meine Mutter an. Meine Mutter würde sonst sagen: "Ohgottogott! Du kannst doch nicht am Telefon eine Zeitschrift abonnieren!" weil sie denken würde, ich wäre ein kleines Kind. Aber ich bin kein kleines Kind mehr, oh nein, ich kann sehr wohl eine Zeitschrift abonnieren und eine Urlaubsreise gewinnen. Ich kann auch schon allein Verträge unterschreiben, rechtsgültige Verträge, oh ja, das kann ich. Und ich wollte mich freuen, was ich alles konnte.

Daher rief ich auch nicht meinen Vater an. Mein Vater würde nämlich das Selbe wie meine Mutter sagen. Er geht da immer so schematisch vor. Tu dies nicht, tu das nicht. Und so was verklärt seinen Blick für Unterschiede, z.B. für den Unterschied zwischen irgendeinem Vertrag und meinem Gewinn. Mein Gewinn war nämlich etwas ganz besonderes. Es war mein erster Gewinn. Und ich würde ihn mit meinem Freund teilen!

"Ich hab für uns eine Urlaubsreise gewonnen!" freute ich mich, aber mein Freund freute sich nicht, als er von meinem Abo erfuhr.

"Bist du eigentlich bescheuert?" fragte er, ganz der Skeptiker.

Ich glaube, hier kommt der Grund ganz klar rüber, warum manche Leute Reisen gewinnen und andere Leute nicht! Vor lauter Misstrauen, lassen die sich die ganz großen Gewinne durch die Lappen gehen!

Trotzdem ist ja ein bisschen Skepsis manchmal gar nicht schlecht. Ich begann also, im Internet zu surfen, um mich über die Seriosität meines Gewinnspielveranstalters zu informieren. Eine der ersten Seiten, die ich im Zuge meiner Recherchen öffnete, war die Seite des Verbraucherschutzes. Der warnte vor meinem Anrufer. Ganz unangenehm rutschte mir mein bis dahin hüpfendes Herz in die Hose.

Es sah nicht gut für meine Reise aus. "Besonders ältere Menschen werden in ihrer Gutgläubigkeit häufig ausgenutzt!" schrieb der Verbraucherschutz. Dieses unangenehme Gefühl mit meinem verrutschten Herz, das sich irgendwie fehl am Platz anfühlte, wurmte mich. Es ist so ein Gefühl, wie wenn man vor dem Deutschland-Spiel vor allen seinen ausländischen Freunden behauptet hat, dass Deutschland eh gewinnt und man immer ganz laut oleole gerufen hat, aber Deutschland dann sang- und klanglos einen Abgang macht. Wenn man gerade merkt, dass man statt dem Joker die Arschkarte gezogen hat. Wenn man womöglich noch gewettet hat. Und wenn dann einer sagt, ich habs doch gleich gesagt, ich habs gewusst, das war da klar wie Klosbrühe! Diese Peinlichkeit, die sich an den aufgestellten Beinhärchen bis unter die Haut zieht und dich Lügen straft, wenn du sagst "Das ist mir eigentlich total egal!"

Hätte ich doch bloß mal besser ein bisschen weniger überschwänglich reagiert, bevor ich unbekannten Anrufern meine Kontonummer gebe.

Ich war nun also in der unangenehmen Situation, in die sich sonst nur Omas und Opas hereinmanövrieren. Zerknirscht musste ich an die alte Dame in unserem Mehrfamilienhaus früher denken. Die hatte auch immer Zeitschriftenabos abgeschlossen und mein Vater hatte ihr dann eine Standpauke verpasst und sie darauf trainiert, wie sie keinen mehr ins Haus lässt, der ihr was verkaufen will. Ich war damals sechs und fand das lustig, dass diese erwachsene Frau von meinem Papa eins auf den Deckel bekommt. Wenn keiner zu Hause war, musste ich immer bei ihr klingeln, damit sie mir die Tür aufmacht. "Hallo. Ich bin der Zeitschriftenvertreter!" sagte ich dann einmal zum Spaß an der Sprechanlage. "Gehen sie weg!" rief die alte Dame, wie es ihr mein Vater indoktriniert hatte. Es war ein schöner Spaß.

Ich klingelte dann noch einmal, damit sie mich ins Haus lies, aber die alte Dame blökte nur erneut "Ich hab gesagt, sie sollen weggehen!" in die Sprechanlage. Auf weiteres Klingeln reagierte sie nicht mehr.

Ich musste dann den ganzen Vormittag vor der Tür stehen, bis meine Mutter nach Hause kam, um mich herein zu lassen.

Die Angst der alten Frau vor Zeitschriftenvertretern war so groß, dass sie sogar eine Sechsjährige für eine Drückerbande hielt.

Ich dagegen hatte die Gefahr, unversehens ein Abonnement abzuschließen, bisher immer als unwesentlich eingeschätzt.
Aber nun hatte ich selbst ein Abo an der Backe. Es ging ganz schnell. Auch formale Bildung hatte mich nicht geschützt. Ich erschauderte und fragte mich, wie ich erst als Oma werden würde, wo meine kognitiven Möglichkeiten doch schon heute denen einer senilen 80-Jährigen glichen.

Es war irgendwie bedenklich. Und zu allem Überfluss war ich auch noch ein bisschen traurig. Ich wär gerne in die Türkei geflogen. Jetzt musste ich statt in Souvenir T-Shirts in die Brigitte investieren. Ich schreibe ja oft lustige Geschichten, in denen ich am Ende der Held bin. Aber das hier ist keine glamouröse Geschichte. Es ist eine moralische Geschichte. Sie soll sagen: Manchmal ist Verlieren gar nicht so schlecht. Diese Geschichte soll mich und euch an über Generationen gewachsene Weisheiten erinnern wie: Abonniere unter gar keinen Umständen irgendwas am Telefon.

Ihr fragt euch jetzt bestimmt, warum ich euch diese Geschichte erzähle, schließlich bin ich da mehr so ein Antiheld drin. Geschichten mit Antihelden sind meistens sehr moralische Geschichten. Auch diese Geschichte hat eine Moral, nämlich, dass es manchmal gar nicht so schlecht ist, sich auf über Generationen gewachsene Weisheiten zu besinnen, wie z.B.: Abonniere unter gar keinen Umständen irgendwas am Telefon.

Daher dachte ich, ich halte mich vielleicht besser manchmal an die Weisheiten meiner Eltern, verinnerliche sie bis ins Greisenalter und gebe sie auch an meine Kinder weiter. Noch meinen Kindeskindern werde ich mit zitternder Stimme das Credo auf den Weg geben: "Abonniere unter gar keinen Umständen irgendwas am Telefon!"

 

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