GeradeRaus 2008 Bundesverband Jugend und Film e.V. Junge Filmszene im BJF
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Kurzgeschichten und Gedicht von Miriam Nonnenmacher

Kurzgeschichten:

Kaffeeklatsch
Mein erstes Zeitschriftenabo
Mein Verehrer Thomas
Wellness-Food
Zahnputzmeditation ...

Mein Verehrer Thomas

In der Pubertät hat ja jeder sein Päckchen zu tragen. Ich war ein höfliches Mädchen, was dazu führte, dass ich allen Jungs meine Telefonnummer gab, die mich danach fragten. Das Prinzip des Telefonnummeraustausches und der angestrebten Ereigniskette, die optimaler Weise bei einem Kuss im Kino seinen vorläufigen Höhepunkt findet war mir nur unzureichend bekannt. Immerhin wusste ich, dass es sich bei Anrufern um Verehrer handelt, problematisch war nur, dass meine Anrufer vorzugsweise Jungen waren, die keinen bleibenden Eindruck bei mir hinterlassen hatten. Immerhin war ich gut im Small-Talk.

Ich war gerade dabei, meine Hausaufgaben zu machen, als das Telefon klingelte.

"Hallo, hier ist Miriam!" sagte ich.

"Hallo, hier ist Thomas!" sagte der Anrufer.

Thomas, dachte ich, wer zum Teufel ist Thomas? Mein Gehirn ratterte. Hatte ich jemals einem Thomas meine Telefonnummer gegeben? Ich konnte mich nicht erinnern.

"Ah, hallo Thomas!" rief ich also freudig aus, um Zeit zu gewinnen. "Wie geht’s?"

"Gut!" sagte Thomas.

Wer war dieser Thomas bloß?

"Freut mich, freut mich!" erwiderte ich. "Was treibst du denn so?"

Diese Frage war ziemlich tricky von mir, ganz unauffällig wollte ich so einen Hint erhalten, wo wir uns getroffen hatten. Vielleicht würde er sogar von sich aus Bezug auf unsere Begegnung nehmen.

"Ich arbeite halt", beantwortete Thomas meine Frage. Das gab ja nicht viel her. Hatten wir uns mal über seine Arbeit unterhalten? Oder ging er noch zur Schule? Mir fehlte die Hintergrundinformation, um sichere Weiterfragen zu stellen, daher beschloss ich, von mir zu erzählen. Vielleicht ergab sich ja ein Gesprächsthema.

"Ich mache gerade meine Hausaufgaben!" fing ich bereitwillig an. "Das ist echt ein Scheiß - Wir haben super viel aufgekriegt in Deutsch heute!"

"Ach so!" sagte Thomas.

"Jaaa, und in Mathe erst!" fuhr ich fort. "Das dauert bestimmt auch noch mal eine halbe Stunde!"

"Ah!" sagte Thomas.

Also so richtig gesprächig war dieser Thomas ja nicht. Wenn ich doch nur wüsste, wo ich ihn getroffen hatte! Was konnte ich bloß fragen, ohne aufzufliegen? Mein Gedanken schossen wild hin und her und ich kam zu dem Entschluss, dass es vorerst besser war, Thomas in ein Gespräch über allgemeine Themen zu verwickeln. Ich wählte Literatur.

"Ich lese gerade so ein Buch!" begann ich unbedarft zu erzählen. "Das Parfum! Kennst du das?"

"Nein!" sagte Thomas.

Ich erzählte ihm die komplette Handlung und hoffte, dass er einhakte, aber das tat er nicht. Daher erzählte ich ihm noch meine persönliche Meinung über die Charaktere und da Thomas immer noch nichts sagte, erzählte ich ihm noch, was meine beste Freundin zum Titel gesagt hatte. Ich fand, dass ich eigentlich genügend Anknüpfungspunkte für ein Gespräch geboten hatte. Aber Thomas reagierte nicht.

"Was liest du eigentlich?" fuhr ich die Retourkutsche.

"Ach, ich lese nicht so viel!" sagte Thomas.

"Das kann doch nicht sein!" widersprach ich. So einfach kam mir dieser Thomas hier nicht davon, ich erzählte ihm hier alles, dafür konnte er ruhig auch mal ein bisschen aus sich rauskommen!

"Du hast doch bestimmt ein Lieblingsbuch!" bohrte ich.

"Mmh, eigentlich nicht!" sagte Thomas ganz unkreativ. Irgendwie war er nicht so der große Kommunikator.

"Wie? - Liest du denn überhaupt nichts?" lies ich nicht locker.

"Naja, eher so Computerzeitschriften und Wirtschaftsmagazine!"

Oh Gott! Wen hatte ich mir hier mit Thomas eingebrockt. Er war ja der absolute Langeweiler. Kein Wunder, dass ich mich nicht an ihn erinnern konnte. Ich traute mich nicht, nach seinen Hobbys zu fragen. Womöglich hatten wir uns bei einer Freizeitbeschäftigung kennen gelernt. Es konnte nichts Kommunikatives gewesen sein. Dieser Thomas war typisch für meine Verehrer. Man konnte echt nichts mit ihm anfangen. Aber durch dieses Gespräch musste ich jetzt durch.

"Also wenn du schon nichts liest hast du doch bestimmt was interessantes im Fernsehen geguckt?" wechselte ich souverän das Thema.

"Gestern Abend hab ich die Tagesschau gesehen!" sagte Thomas.

"Aha- und wie wars?" fragte ich.

"Ganz gut!" sagte Thomas.

"Was an der Sendung hat dich besonders interessiert?" versuchte ich zu ihm durchzudringen.

"Es war eigentlich das selbe wie immer!" sagte Thomas.

Langsam konnte ich ihm echt nicht mehr helfen. Dieser Thomas war ja der totale Soziopath. Ich beschloss, nie wieder einem Volldeppen meine Nummer zu geben.

"Welche anderen Sendungen schaust du außer der Tagesschau?" "Wie heißen deine Lieblingsschauspieler?", "Was ist dein Lieblingsgericht?" "Welche anderen Dinge tust du außer arbeiten, lesen und Fernseh schauen?" fragte ich. Vergeblich. Mit Thomas war keine vernünftige Unterhaltung zu führen. Meine Höflichkeit hatte Grenzen. Ich wusste zwar nicht, wer Thomas war, aber bisher hatte ich mich ganz hervorragend um die Gesprächsführung gekümmert. Was dachte er sich eigentlich dabei, sich hier von mir allein unterhalten zu lassen? Sollte er doch fragen! Sollte er doch sagen, was er von mir wollte! Schließlich war er es doch, der bei mir angerufen hatte!!! Ich schwieg. Die Stille zerriss die Telefonleitung schier.

"Kann ich mal mit deinem Vater sprechen?" fragte Thomas. Mir schoss das Blut in den Kopf.

"Ja klar!" sagte ich und versank im Boden. Es stellte sich heraus, dass Thomas Herr Thomas und der Aktienberater meines Vaters war.

 

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