GeradeRaus 2008 Bundesverband Jugend und Film e.V. Junge Filmszene im BJF
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Kurzgeschichten und Gedicht von Miriam Nonnenmacher

Kurzgeschichten:

Kaffeeklatsch
Mein erstes Zeitschriftenabo
Mein Verehrer Thomas
Wellness-Food
Zahnputzmeditation ...

Wellness-Food

Es gibt ja diese kurzen Begegnungen, die das Leben verändern. Vielleicht merkt die andere Person gar nicht, dass sie Ausschlag gebend für einen Richtungswechsel ist, vielleicht wird sie zum jahrelangen Begleiter. Solche Begegnungen haben etwas Spirituelles, ich bin dem Überirdischen übrigens nicht abgeneigt.

Neulich ist mir da was im Aldi passiert: Ich stand an der Kasse und vor mir packte ein extrem gut aussehender Kerl seinen Einkaufswagen aus. Er war so ein typisches Alpha-Männchen mit den klassischen Attributen groß, schlank und durchtrainiert, dazu hatte er auch noch einen intelligenten Gesichtsausdruck. Seine Haare waren übrigens gepflegt nach hinten gegelt und seine Wangen glänzten rosarot von der frischen Luft draußen. Er lächelte mir zu. Ich lächelte zurück.

Die künstliche Beleuchtung erhellte die Szene wie ein Spotlight, in diesem Zusammenhang kamen auch die Produkte zur Geltung, die der Typ aufs Band legte. Ich war fasziniert.

Er kaufte diese Vollkorn-Pita-Taschen, die sich so gut mit Gemüse füllen lassen. Auch das kaufte er frisch zusammen mit einem Becher Crème Fraiche, offensichtlich hatte er Sinn für Verfeinerung, ganz typisch für den niveauvollen Verführer. Ich erkenne das auf den 1. Blick. Ganz klar auch diese marinierten Riesenscampis als Vorspiel. Hinterher gibt es frische Erdbeeren bei ihm. Der lässig elegante Geschmack beeindruckte mich tief. Sein Einkauf hatte Stil. Mein Einkauf leider nicht. Auf dem Band vor mir lagen eine Tafel Schokolade, eine Tüte Schokorosinen, eine Packung Kekse und eine Familienpackung Snickers.

Verlegen blickte ich in die Richtung des Durchtrainierten und er schenkte mir wieder ein strahlendes Lächeln. Meine Knie wurden weich. Plötzlich hatte ich das Gefühl, dass er mich gleich zum Mittagessen einladen wollte. Doch das war leider nicht der Fall. Der Typ packte seine Sachen ein und verschwand. Er wollte sein gutes Essen ohne mich essen. Das war natürlich nicht so toll. Aber im Grunde genommen stand ich da total drüber. Sollte er doch alles selber essen. Es ist ja nicht so, dass ich auf ihn angewiesen wäre. Ich bin ja schließlich emanzipiert und kann mich ganz gut selber ernähren. Ich kann mir ganz problemlos geile Sachen selber holen. Es ist ja voll einfach, gesund zu Leben. Und da traf mich die Erkenntnis wie ein Blitz. Vielleicht war das das Problem und ich sollte nicht wie ein Obdachloser Kekse zum Mittagessen essen, sondern mal meine Ernährung umstellen. Dann würde sich auch mein Leben ändern. Damit würde ich direkt heute anfangen. Kurz entschlossen bezahlte ich meine Süßigkeiten und ging gleich wieder in den Supermarkt zurück. Ich würde mir Haut verschönerndes Leckerschmeckeressen kaufen und mein Alltagsstress würde vom Wellness-Food vertrieben werden. Ich würde erblühen vor Vitaminen. Dass Körper und Seele eng zusammen hängen wusste ich von meiner Frauenzeitschrift. Dass man mit Obst auch schlank wie ein Modell wird, wusste ich ebenfalls. Die Männer würden mir zu Füßen liegen und dem Kerl von der Kasse würde es noch sehr leid tun, dass er seine Chance heute nicht genutzt hatte, nur weil er nichts von seinem Essen abgeben wollte.

Mein zweiter Einkauf beeindruckte mit Frische-Siegeln und Bio-Etiketten. Auch auf meinem Naturjoghurt stand Fitness drauf. Zu Hause konsultierte ich meine Frauenzeitschrift zum weiteren Vorgehen.

"Legen Sie mal einen Rohkosttag ein!" empfahl sie mir. "Schon die Shao Lin Mönche wussten über die spezifisch stimulierende Wirkung von rohem Obst und Gemüse."

Als erstes aß ich einen Apfel, der laut meiner Zeitschrift als paradiesisches Symbol der Verführung auch zu einer sinnlichen Ausstrahlung verhilft. Er schmeckte vorzüglich. Ich leckte mir die Lippen.

Gleich im Anschluss verzehrte ich eine Karotte, das Gemüse, das Lebendigkeit und Fettabbau fördert. Daraufhin aß ich einen rohen Kopfsalat, der die chinesischen Meridianpunkte für Harmonieerleben stimuliert. Ich fühlte mich wie neugeboren.

Und freute mich meines Lebens.

Ein paar Stunden später begann mein Magen zu rumoren.

Ich aß noch etwas Kopfsalat. Mein Bauch krampfte sich zusammen. Es stellte sich heraus, dass ich Durchfall hatte. Die Shao Lin Mönche sprachen Durchfall eine reinigende Verbindung zum Göttlichen zu. Mit Hilfe meiner Frauenzeitschrift nutzte ich die Gunst der Stunde mit Yoga-Übungen. Aber es half nichts. Ich ging aufs Klo. Mir war so komisch apathisch. Ob sich so wohl ein Vitaminschock anfühlte? Da ich nicht wusste, was ich tun sollte, knabberte ich etwas Sellerie. Es war ekelhaft. Ich konnte kein Gemüse mehr sehen! Das rohe Gemüse widerte mich geradezu an. So ein bisschen Soße am Salat ist ja auch mal was. Und die Konsistenz von Obst ist sowieso das Allerletzte. Nach ein paar Bissen bleibt nicht übrig außer lepprigem Fruchtgeschmack. Kein Wunder, dass mein Magen gegen so eine Verarschung rebellierte. Er wusste genau was er wollte: Snickers!

Die Shao-Lin Möche kannten Snickers noch nicht. Snickers hat eine lindernde Wirkung bei Magenbeschwerden. Ich spreche da aus Erfahrung. Snickers beruhigt ungemein. Gott sei dank hatte ich die Familienpackung zu Hause. Ich aß einen Riegel und fühlte mich angenehm besänftigt. Es war ein gutes Gefühl, ich wollte mehr davon. Aber ich konnte ja jetzt kein 2. Snickers mehr essen. Das war völlig ausgeschlossen. Die Frage war daher: Was schmeckt wie Snickers, aber hat weniger Kalorien? Die Antwort war: Nutella!

Ein kleines Löffelchen ist ja völlig unproblematisch, dann merkt auch mein Mitbewohner nicht, dass ich seine Sachen esse. Lecker, diese Nutella, ein dichter Schleier Schokomasse schmiegte sich an meinem Gaumen, mit süß cremiger Konsistenz legte er sich über meine Zungenknospen, mmmh. Erneut tauchte ich den Löffel in das Glas, das letzte Mal für heute, und während ich den Mund noch voll süßlich-sanfter Schoko-Nuss-Matsche hatte, dachte ich mir, mach dir schnell noch ein Löffelchen, sonst ist der Spaß ja gleich wieder vorbei. Ich würde einfach ein bisschen weniger Melone zu Abend essen, ach ich würde das Abendessen ausfallen lassen. Ich würde meinem Mitbewohner ein neues Glas Nutella kaufen. Im Grunde genommen war es mit der gesunden Ernährung für heute eh schon gelaufen.

Ich konnte genauso gut direkt zum Mac gehen, nach 200 Gramm Nutella war es auch egal. Nach dem ganzen Nutella-Schleim im Mund brauchte ich jetzt einfach was Würziges. Am besten so ein Schwabbelbrötchen, das meinem Biss erliegt.

Ich kaufte mir ein Sparmenü, und als ich gerade aus Versehen mit den Zähnen das halbe Fleischpad aus dem Royal TS gezogen hatte und mir der Ketschup links & rechts aus dem Brötchen quoll und mir ein Salatblatt mit Majonäse so halb aus dem Mund hing, sah ich so einen Typ an der Glasscheibe vorbeilaufen. Er hatte ein Sporttasche auf dem Rücken, die Haare waren leicht gegelt oder auch maskulin-sportiv voll geschwitzt. Er knabberte doch tatsächlich liebevoll geschnitzte Karottensticks aus einer Tupperdose! Da checkte ich erst, dass es mein Bekannter aus dem Aldi war. In seinem Blick lag ein Hauch von Irritation. Er war bestimmt Vegetarier.

Ich kann dieses Bessermenschtum echt nicht leiden, Karottensticks und so, dieser seelenlose Wellness-Zombie würde schon noch sehen, wohin das führt. Wenn der erst mal ein Snickers essen wird, kommt sein Körper auf die Kalorien gar nicht klar, der würde direkt zunehmen und müsste wieder auf Diät, so ist das doch mit dem Jojo-Effekt. Oh, der würde noch ein Liedchen davon singen, bei seiner ganzen Rohkostscheiße. Besser, man gönnt sich auch mal zwischendurch McDonalds, dachte ich mir wissend und biss betont herzhaft in den Royal TS. Demonstrativ trank ich noch einen Schluck Cola hinterher.

 

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